cash Interview mit Marc Friedrich

Für Marc Friedrich ist Bitcoin nicht nur Renditetreiber, sondern ein Ersatz für ein Währungssystem, das in den letzten Zügen liegt, wie er im cash-Interview sagt. Auch bei Aktien geht der Bestseller-Autor eigene Wege.

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cash.ch: Bei Ihnen in Deutschland wird in wenigen Tagen gewählt. Wie sehr treibt Sie als Vermögensverwalter, Buchautor und Social-Media-Persönlichkeit um, wie die künftige deutsche Regierung aussehen wird?

Marc Friedrich: Es beschäftigt mich dieses Mal so sehr wie noch nie. Es ist tatsächlich dieses Mal eine Entscheidungswahl, eine 'Jahrhundertwahl'. Meine Erwartungen sind allerdings nicht gross: Wir haben eine Art 'Schrottwichteln', also eine Wahl zwischen Pest, Cholera und anderen unangenehmen Krankheiten. Diejenigen, die sich als Spitzenkandidaten haben aufstellen lassen, haben in den vergangenen Jahren nicht durch Kompetenz geglänzt. Wieso sollten sie es jetzt besser machen?

Eine durchaus heftige Kritik. Wie wird es Ihrer Meinung nach herauskommen?

Es bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht in Richtung Sozialismus und Planwirtschaft kippen. Das wäre der Fall, wenn die SPD mit den Grünen und der Linken eine Koalition bilden würde. Ich bin mir jedenfalls schon seit längerem sicher, dass Olaf Scholz von der SPD der nächste deutsche Bundeskanzler wird.

Sie haben aber auch einmal die Grüne Annalena Baerbock als Favoritin gesehen.

Ja, das habe ich. Aber ich liess sie fallen, nachdem ich zwei Interviews mit ihr gesehen hatte, und dies, schon bevor sie sich mit einem 'getunten' Lebenslauf vor aller Welt blamierte.

Eine Frage an den Vermögensverwalter: Warum ist es eine Richtungswahl?

Die Wahl wird enorme Einflüsse auf das Geld und das Vermögen haben. Scholz, die Linke und die Grünen haben angedeutet, wohin es gehen soll: Spitzensteuersatz hoch, höhere Erbschaftssteuer, Vermögensabgabe. Die Folgen der Coronakrise und eine ganze Reihe von Fehlentscheidungen der deutschen Politik der letzten Jahre müssen bezahlt werden. Dies ist in anderen Ländern auch so: In Grossbritannien ist wegen der Corona-Folgen gerade eine Steuererhöhung verabschiedet worden.

Die Finanzmärkte konzentrieren sich in diesem Herbst nicht nur auf Regierungen, sondern Themen wie Tapering und Inflation: Was denken Sie darüber?

Inflation ist Diebstahl, und die Inflation kommt – das sagte ich schon vergangenes Jahr voraus. Und ein Tapering wird es nicht geben. Dafür sind die Banken und Märkte viel zu abhängig vom billigen Geld. Im bestehenden System werden Anleihenkäufe nicht zurückgefahren werden und die Zinsen auch nicht mehr erhöht werden können.

Kein Tapering? Wirklich?

Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist von einem Stopp der Aufkaufprogramme oder einer Zinserhöhung nicht die Rede. Wie auch? Sonst würde das ganze System zusammenbrechen. Und die Inflation ist nicht vorübergehend. Sie wird uns lange begleiten. Die wahre Inflation war vor einem Jahr höher als propagiert bei 13,7 Prozent und nicht bei 0,4 Prozent.

Wie kommen Sie auf 13,7 Prozent?

Wie wir es an der Universität gelehrt bekommen haben: Wachstum der Geldmenge M3 minus Wirtschaftsleistung. In Deutschland ist die Geldmenge M3 um 8,7 Prozent gewachsen, und das Wachstum war -5 Prozent.

Über die Auswirkungen der Geldmengenausweitung auf die Inflation wird viel gestritten. Auf der anderen Seite: Inflation ist gut für Immobilienanleger, und wenn, wie Sie sagen, nur kosmetisches Tapering kommt, müssten ja alle froh sein, die die Aktien investiert sind.

Ja. Fondsmanager, Vermögensverwalter und Family Offices, die ich kenne, sind völlig entspannt. Sie glauben alle nicht, dass bei der Fed oder der EZB den Worten Taten folgen werden. Wir werden volatile Märkte sehen, und natürlich wird der Offenmarktausschuss (FOMC) der Fed bei seiner Sitzung nächste Woche irgendetwas zu den Anleihenkäufen ankündigen. Aber wir müssen die Zentralbanken an ihren Taten messen, und da wird im grossen Stil nicht viel passieren.

In ihren Veröffentlichungen, und jetzt auch hier im Interview, kritisieren sie Regierungen und Notenbanken wortreich und heftig. Warum stellt man sich als Finanzprofi so gegen das System? Warum sind Sie Establishment-Kritiker?

Das System ist korrupt. Und das System ist im Endspiel. Ich habe erkannt, dass etwas aus den Fugen geraten ist. Ich will meine Mitmenschen auch vor Schaden bewahren. Dieses System ist eines der Ungerechtigkeit. Und das Establishment, gegen das ist stänkere, dient nicht dem Menschen, sondern nur sich selber.

Sie sagen einen Crash voraus. Wie würde ein solcher denn aussehen?

Wir sind am Ende des Schuldenzyklus und am Ende des Geldzyklus. Weil der Geldzyklus endet, versuchen die Notenbanken mit Hochdruck, das Fiat-Geldsystem zu digitalisieren. Aber dies bedeutet grosse Umbrüche, soziale Unruhen oder ein Wechsel im politischen System. Auch Chaos oder Kriege sind möglich. Wir werden aber auf jeden Fall ein neues Geldsystem sehen.

So direkt gefragt: Glauben Sie an einen Moment, an dem kein Geld mehr aus dem Automaten kommt?

Ja. Die Wahrscheinlichkeit sehe ich als sehr hoch an. Wir werden in dieser Dekade das Ende des Fiat-Geldes sehen.

Aber Sie haben sicher auch schon gehört, was man über Crash-Propheten sagt: Wenn man zehn Mal einen Crash voraussagt, ist man das eine Mal richtig gelegen, wenn es wirklich zu einer schweren Krise kommt.

Die Bezeichnung Crash-Prophet geben mir Kritiker und Leute, die keine Gegenargumente haben. Ich weise lediglich auf Gefahren hin, wie ein Navigationssystem, das anzeigt, wenn ein anderes Auto zu nahekommt. Ich habe nie mehrere Crashs vorhergesagt, sondern nur einen Crash - den finalen. Diesen erwarte ich in dieser Dekade und den Euro wird es bis spätestens 2023 in dieser Form wahrscheinlich nicht mehr geben. Wenn ich falsch liege, werde ich dazu stehen. Aber ich lag schon bei der Euro-Schuldenkrise um Griechenland richtig, beim Brexit, bei der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten oder bei der Nullzinsphase.

Warum soll sich das Eurosystem gerade 2023 ändern?

Auch das ist eine Wahrscheinlichkeit. Ich sehe aber eine Reihe von Parametern. Italien wird in den nächsten Jahren grosse Summen brauchen, um seine Schulden zu refinanzieren. Der Euro wird seit Jahren mit gigantischen Aufkaufprogrammen und Rettungsmassnahmen sowie einem historischen tiefen Zinssatz von null Prozent künstlich am Leben erhalten. Die Schlagkraft der Notenbank wird immer geringer. Die Wirkung der Massnahmen nimmt ab und das Vertrauen in die Institution und in den Euro erodiert parallel. Die Baby-Boomer gehen nun in Rente und destabilisieren das Rentensystem – die Demographie ist der 'Elephant in the Room', über den niemand sprechen will. Das Vertrauen in den Euro wird sinken, während die steigende Inflation die Menschen aus dem Geld treibt. Und 2023 wird uns dahingehend so einen Knackpunkt bringen.

Ich würde glatt dagegen wetten: Der italienische Staat wird sich auf jeden Fall refinanzieren können, eventuell mit Hilfe von aussen. Die Notenbanken haben zehn Jahre lang gezeigt, dass sie das System stabilisieren können, und sie werden weitere zehn Jahre Mittel dazu finden. Das Instrumentarium der Notenbanken ist beträchtlich.

Gut, dann müssen wir 2031 nochmal miteinander reden! Aber nur schon der Umstand, dass Ex-EZB-Chef Mario Draghi – ungewählt – als italienischer Regierungschef eingesetzt worden ist, zeigt, wie weit das System zu gehen bereit ist.

Sie befürworten stark Kryptowährungen: Weil die Renditechancen so verlockend sind, oder weil Sie sich Kryptos als Ergänzung oder gar Ersatz für die gängigen Währungen wünschen?

Ich kaufe verschiedene Kryptowährungen, sehe mich aber vor allem als Bitcoin-Investor. Das ist die einzige dezentrale Währung – das andere sind zentralisierte Coins. Bitcoin ist das erste, dezentrale, limitierte und demokratische digitale Gut, das Menschen geschaffen haben und das nicht in der Obhut von Zentralbanken oder von Staaten und Regierungen ist, die nachweislich nicht mit Geld umgehen können. Notenbanken funktionieren wie Hedgefonds. Bei Bitcoin hingegen können wir auf die Mathematik vertrauen: Eins und Eins ist immer Zwei, und nicht wie bei den Notenbanken, wo Eins und Eins plötzlich Acht ergibt.

Ist eine demokratische Legitimierung von Bitcoin wirklich gegeben?

Bitcoin würde heute nicht bei rund 40'000 Dollar stehen, wenn das nicht so wäre. In den letzten zwölf Jahren haben sich viele Menschen Bitcoin als Wertspeicher und als Inflationsschutz ins Portfolio gelegt. Der Euro hat seit Einführung 87 Prozent an Kaufkraft verloren. Der Bitcoin-Preis ist ja nur ein Indikator, wie sehr sich unser Geld entwertet. Mit Bitcoin haben sich viele gegen diese Form von Enteignung gewehrt.

Dennoch: So ein Zusammenprallen von freiheitsliebenden Protagonisten eines neuen Systems mit mächtigen Staaten und Geldinstitutionen mag in einer Netflix-Serie wie ‹Haus des Geldes› funktionieren, aber nicht in der Realität.

Das Zentralbankensystem wird bis zum Letzten kämpfen. Die Notenbanken werden ihr Privileg der Geldschöpfung nicht freiwillig abgegeben und Bitcoin an die Macht lassen. In der Vergangenheit war es aber immer so, dass es nie friedlich vonstatten ging, wenn jemand Macht zugunsten von anderen verlor.

Viele dürften Bitcoin und andere Kryptowährungen dieses Jahr einfach gekauft haben, um mit einer sehr volatilen Anlagenkategorie zu zocken. Was sagen Sie zu den Risiken von Krypto-Anlagen?

Bitcoin ist zwar in der Finanzwelt angekommen, ist aber auch immer noch in einer Findungsphase. Nach jedem Crash mit Bitcoin ist es wieder nach oben gegangen. Bei einer Mindesthaltedauer von 3,8 Jahren hat man aber immer Gewinn erwirtschaftet. Bitcoin ist volatil, aber von allem volatil nach oben, während Fiat Geld immer weiter entwertet wird.

Ist die häufig vorgebrachte Prognose, dass Bitcoin bis Ende Jahr 100'000 Dollar erreichen wird, damit realistisch?

Ich bin Antizykliker und werde mehr 'bearish', wenn alle von derselben Sache reden. Aber in dieser Dekade sind sechs- bis siebenstellige Kurse bei Bitcoin realistisch. Und dies, weil die Notenbanken immer noch mehr Geld drucken und Staaten immer mehr Schulden machen.

Die Einführung von Bitcoin als Zahlungsmittel in El Salvador hat Bitcoin nicht gut getan – wenn man den Kurs ansieht.

Dies ist lediglich ein Beispiel für 'Sell on Good News': Da haben nach den Kurssteigerungen der vergangenen Wochen viele Kasse gemacht. Wir sehen so etwas ja immer wieder.

El Salvador hat als erstes Land der Welt Bitcoin offiziell eingeführt. Werden Industrieländer so ein Wagnis ebenfalls eingehen?

Der Druck von aussen kann für El Salvador natürlich zu gross werden. Mal sehen, ob es durchgehalten wird. Multimilliiardär Peter Thiel legt allerdings auch den USA die Einführung von Bitcoin nahe. Das erste grosse Land, das Bitcoin als Reservewährung aufnimmt, wird Bitcoin auch als 'geopolitische Waffe' einsetzen können. Die USA müssen sich sputen, um nicht gegenüber China das Nachsehen zu haben.

Genauso gut kann es sein, dass die USA Bitcoin durch Regulierung vielleicht nicht abschaffen, aber doch weitgehend neutralisieren werden.

Ein dezentrales System zu steuern ist de facto unmöglich. Klar, man wird versuchen, Bitcoin zu regulieren und zu besteuern. Bitcoin wird zwar als Feind gesehen, aber da ist den Notenbanken die Kontrolle schon entglitten. Bitcoin ist bereits zu gross. Und ich bezweifle stark, dass die Staatengemeinschaft die Einheit aufbringen würde, Bitcoin weltweit zu verbieten.

Bei Kryptowährungen als Anlageklasse wird viel über den fundamentalen Wert gestritten. Wie sehen Sie dies?

Die Frage ist, was finanzielle Autarkie wert ist. Mit Bitcoin bin ich meine eigene Bank. Das ist schon viel wert. Ich kann von Anfang an der Wertschöpfungskette mitwirken.

Dies klingt jetzt sehr ideell. Wo sind die belastbareren Fundamentals?

Der Wert, den man Bitcoin zuschreiben kann, ist die Kombination von Strom und Zeit. Diese werden dezentral zusammengebracht und schaffen einen Wert. Das Resultat ist ein global einsetzbarer, portabler Wertspeicher, der zudem noch limitiert ist. Gold und Silber sind durch die Natur limitiert, Bitcoin durch die Mathematik.

Sie haben einen Sachwerte-Fonds aufgelegt und beraten diesen auch. Sie setzen auch dort auch den Aspekt limitierter Wertgrössen ins Zentrum. Der Fonds investiert stark in Gold, Rohstoffe oder Minen-Aktien. Ist das neben der Zukunftstechnologie Blockchain nicht etwas viel Old Economy?

Für mich beginnt das Zeitalter der Sachwerte. Es kommt eine Renaissance von durch die Natur oder durch die Mathematik limitierten Werten wie Gold, Silber, Bitcoin. Diese werden in Zukunft auch besser performen als beispielsweise Apple oder Tesla.

Die Dreijahres-Performance des Fonds liegt bei 31 Prozent. Mit Tech-Aktien hätte man in diesem Zeitraum mehr Rendite erzeugt.

Das perfekte Timing findet man nie. Der Fonds ist für das Szenario gedacht, das sich erst gerade ausbreitet, etwa eine anhaltende Inflation. Die Ernte wird in den nächsten Jahren eingefahren. Und: Die Digitalisierung, die Blockchain, künstliche Intelligenz oder erneuerbare Energien sind Mega-Trendthemen. Aber ohne Rohstoffe funktionieren diese nicht: Ohne Kupfer keine Speicherchips, ohne Silber keine Solarpanels. Ich möchte nicht der Goldgräber sein, sondern derjenige, der die Grabungen mit Schaufeln ausstattet.

Raten Sie denn von Tech-Aktien oder bewusst Zukunftstechnologien ab?

Ich glaube, dass es hier eine Blase gibt. Die Bewertungen sind ausser Rand und Band. Die Übertreibungsphase kann noch lange andauern, und man kann durchaus weiter in Tech-Werte investieren. Auch ich hatte Tesla und Apple, aber da würde ich eher mal Gewinne mitnehmen. Diese Aktien werden sich nicht noch einmal verdoppeln oder verdreifachen. Ich selber investiere antizyklisch in Branchen, die noch nicht so gut gelaufen ist. Deswegen schichte ich lieber um: In Uran- und Silberminen, Platin, Agrarrohstoffe. Diese haben noch Potential.

Und was, wenn Ihnen bei Rohstoffanlagen die Klimadebatte in die Quere kommt?

Erneuerbare Energien gehen ohne Rohstoffe nicht. Wir brauchen die ganzen Rohstoffe. Und Atomkraft ist die einzige grundlastfähige und gleichzeitig emissionslose Energiequelle, die wir haben. Wir werden eine grosse Renaissance bei Uran und Uranminenaktien erleben. Uran ist unterbewertet und verhasst, aber von Investoren zu Unrecht ausser Acht gelassen. Eine Ausnahme ist Bill Gates, der ist gross investiert.

Sie sagen häufig, dass Ihre Prognosen eingetroffen seien. Haben Sie sich auch einmal total geirrt?

Nach einem Streitgespräch, das ich führte, rechnete jemand aus, dass 76 Prozent meiner Voraussagen eingetroffen seien. Aber klar, ich liege auch manchmal falsch. Ich wettete beispielsweise auf eine Wiederwahl von Trump als US-Präsident. Auch beim von mir prognostizierten Switch von Growth- zu Value-Aktien schon dieses Jahr bin ich noch nicht so richtig bestätigt worden. Im ersten Quartal liefen Value-Aktien besser, dann änderte sich dies wieder. Aber das Jahr ist ja noch nicht ganz vorbei.

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